Die Leerstelle. Dokumentation und Materialsammlung

Dittersbach – Dokumentation

Meine allererste Reise nach Walbrzych

17.6.2025

Bilder/Audios/Videos sind hier zu finden.

Ich fahre mit dem Zug, weil ich mich dem Ort langsam annähern will. Überhaupt konnte ich mir nur sehr spontan dazu entscheiden hinzufahren. Was macht das mit mir, wenn ich diesen Platz besuche? Nimmt es Spannung und Dynamik aus meinem Vorhaben? Oder öffnet es eine weitere Tür?

Im Zug dorthin:

Ich bewege mich im deutsch-polnischen Kontext. Alte, deutsch geprägte Struktur und Architektur von polnischer Kultur übertüncht, überformt, überwachsen. Irgendwie fühlt sich nichts richtig an hier. Das Deutsche ist abgeschnitten das das Polnische nicht wirklich verwurzelt.

Vielleicht braucht es hier auch die Verbindung zwischen Altem und Neuem? Nicht einfach Verbindung. Den Verbinder. Den Stecker. Die Kupplung. Das ganz konkrete Element?

Meine Erfahrung heute in Podgórze (Ober-Waldenburg-Dittersbach)

erst einmal ein sehr langsames Herantasten an den Ort. Ich halte mich erst lange am Bahnhof auf, mache Frottagen ins Skizzenheft, bewege mich sehr sehr langsam auf den nicht weit entfernten Platz zu. Weiter Frottagen – Leerstellen suchen…

Ich habe schon herausgefunden, dass Ende des 19. Jh. an das Hänel-Haus ein modernerer Anbau gebaut wurde, der sich dem höher liegenden Straßenniveau anpasste.

Dieses Haus steht immer noch! Und es ist das Haus auf dem einzigen privaten Bild, das ich habe. Darauf sind (höchstwahrscheinlich) mein Großvater und seine Schwester und mein Urgroßvater vor dem Laden zu sehen. Dieses Haus 2 ist jetzt unbewohnt und vernachlässigt.

Der freie Platz des alten Hänel-Hauses ist ein Basketballfeld. Niemand spielt. Das Gras steht hoch. Müll. Die Umgebung ist schmutzig. Die Menschen fühlen sich abweisend an.

Sitze lange auf der anderen Straßenseite und schaue herüber. Was ist da? Eigentlich nichts besonderes. Kein großes Gefühl. Was mache ich hier? Der Ort ist ein anderer. Die Straße ist busy. Der Autoteilehandel sehr gefragt. Ich mache eine Zeichnung vom Haus 2.

Ich weiß, ohne Kontakt zu jemandem wird das nichts. Die Bar schräg gegenüber schaut nicht einladend aus. Der Autoteilehandel vielleicht? Erstmal Fotos machen. Das muss mindestens sein. Der Mann, der am Auto schraubt, will nicht mit mir reden. Zu blöd, dass ich kein Polnisch kann!

Alte Frauen gehen über den Platz. Eine setzt sich auf die Bank an der Seite, die andere geht wahrscheinlich zur Bar. OK, eine letzte Aktion hier, ein Zeichen setzen. Ich suche mir einen Stein und ritze das Hänel-Haus-Symbol in die Mitte des Hartplatzes.

Die eine Frau kommt zurück, sieht mich zeichnen und fragt ……………………….und ein Gespräch kommt zustande! Zeichensprache, Bilder, Gesten, mein mini bisschen Polnisch (und Russisch im Hintergrund)……………….Da, der Mann, der kann ein bisschen deutsch (niemiec – verstehe ich)…………………Auf dem Platz, da standen drei(!) Häuser…………warum sind sie verschwunden?……………….waren kaputt, niemand hat dort mehr gewohnt…………dann die andere alte Frau…………..und schließlich wird der Autoschrauber dazu geholt, der (doch) englisch kann und ziemlich nett und hilfsbereit ist. Diese Dynamik ist so schön! Und ein echter Wert des Polnischen. Ich glaube, Deutsche wären nicht so offen und hilfsbereit.

Infos und Erkenntnisse:

  • auf dem freien Platz zwischen Hänel 2 und Post standen 3 Häuser
  • der Friedhof ist nicht weit entfernt
  • und irgendwo da eine stille Stelle von Deutschen, von der der Autoschrauber berichtet aus seiner Kindheit (wahrscheinlich ein Soldatengrab)
  • eine Website mit Kontakt zu jemandem in der Waldenburger Verwaltung

→ die persönliche Suche wird zum Connector, initiiert etwas sehr wertvolles: Gespräch, Hilfsbereitschaft

→ Sprache ist ein Connector

→ Essen ist ein Verbinder